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Donnerstag, 28. März 2013

Karl Marx Stadt back in 2011

Heute wird es mal Zeit, das Interview mit Christian Gierden aka Karl Marx Stadt für den Gluediver rauszukramen. Das Interview entstand 2011 in Vorbereitung auf einen Artikel den ich für´s Skug geschrieben habe. Leider gibt es den Artikel immer noch nicht online zu lesen. Was vor dem Hintergrund, dass die Schreiber des Skugs alle ehrenamtlich schreiben, wenig verständlich wird. Aber deshalb vlt umso besser, wenn hier jetzt wenigstens das Interview nachgelsen werden kann, das in dem Artikel auch nur auszugsweise abgedruckt war. Das andere Interview mit Istari Lastefahrer ist dagegen schon seit Jahr und Tag hier nachzulesen gewesen. Und das bleibt natürlich so. Insofern kommt, um Christian zu zitieren, erst jetzt wirklich zusammen, was zusammen gehört. Und um noch etwas oben rauf zu packen, habe ich eine bisher nicht gezeigten Plakat Entwurf von Steffen Ullman rausgekramt, der leider nicht für das Un/Rave damals in Oldenburg und Bremen zur Verwendung kam. Und jetzt kann ich es ja schreiben, eigentlich nur aus Angst, dass es wieder kein Bremer schnallt und die Hütte leer bleibt. Aber jetzt hier ist ein guter Ort. Ein Zine von Steffen habe ich übrigens gestern für mein Zinecerely Yours Blog renzensiert.

Vlt. ein kurzer Abriss was seit dem passiert ist.
Christian wurschtelt immer noch in seinem Job. Ich habe aber etwas über einen Wohnungswechsel nach Leipzig flüstern hören. Was ich als Neu Berliner natürlich schade finden würde. 
Seit kurzem gibt´s sein Label Karl Marx Land, auf dem dann Christian auch gleich mal unter dem Synonym Coco Lowres eine Single rausgehauen hat. Die Musik passt ein bisschen zu dem Plakat, oder? Das Design zur Platte und Label kommt aber hier her.

Die Single habe ich bisher leider auch nur in dem Snippet hören können. Die Platten von Multiparas Lux Nigra (s. Interview) dagegen, sind – jedenfalls zum Teil – im Mailorder von Felix wieder aufgetaucht. Alle mal besser, als in irgendeiner Küche zu vergammeln.

gl:
Die letzte Karl Marx Stadt Platte (12") ist von 2005 und das letzte von den Suckers kam um 2009 heraus bzw. die letzte EP 2007. Seitdem war´s relativ ruhig. Brauchte es solange, bis du wieder Material hattest oder hat die Lust gefehlt?
kms:
Ich hab eigentlich immer weiter Sachen gemacht. Es kam ja auch fast jedes Jahr ne kleinere Platte raus. Und es gibt auch nach wie vor noch mehr Material.
Aber das zweite Album ist bekanntlich das schwerste. Nach einigem hin und her ist nun endlich Sozialistischer Plattenbau Hamburg auf den Hund gekommen und nun gibt's gleich eine Doppel LP. Manche Titel sind auch schon etwas betagt, allerdings sehr schön gealtert, finde ich. SPB haben dann einfach geschaut, dass auch genug neues Material drauf kommt. Aber da gab's wie gesagt keinen Mangel.
Auf eine Suckers EP hätte ich schon Lust gehabt. Aber selbst Labels die noch halbwegs laufen, lassen sich nicht mehr hinreißen eine ganze 12" mit uns zu machen.
Und so konnte ich mich endlich mal drauf konzentrieren die wirklich verdrehten Sachen, jenseits von hart und Break, rauszulassen.
gl:
Was ist aus Lux Nigra geworden? Wäre das nicht eine Möglichkeit für Lux Nigra gewesen, aus dem Schlaf zu erwachen?
kms:
Gute Frage. Fragt Multipara auf http://luxnigra.de/
Wir wohnen nicht weit voneinander entfernt. Er hat glaub ich immer noch hunderte Lux Nigra Platten in der Küche zu stehen. Vielleicht kauft die Ihm einfach mal jemand ab. Aber ob er Lust hat noch mal anzufangen, weiß ich nicht.
gl:
Wie kam es dazu, dass du jetzt bei Sozialistischer Plattenbau veröffentlichst? Macht der Wechsel zwischen den beiden Labels für dich einen Unterschied?
Sag jetzt nicht eines gibt´s noch, das andere nicht!
kms:
Ich habe lange gesucht bis ich jemanden gefunden habe, der so eine Platte machen kann und auch mit ganzem Herzen dran hängt. Die Labels sind fast gleich alt. Lux Nigra hatte ein sehr weit gefächertes Programm mit vielen Künstlern, einem irre hohen Qualitätsstandard, das viel Aufmerksamkeit auf Artwork gelegt hat. Sozialistischer Plattenbau begann eigentlich fast als Autorenverlag und hat sich dann langsam für andere Künstler stark gemacht. Ich habe nun die Ehre deren Klangspektrum mal ganz anders zu bereichern. Vor allem sind bei Lux Nigra von Anfang an auch Alben erschienen, das gab's bei SPB bisher noch nicht.
gl:
Vor einigen Jahren hätte man dich mit der Breakcore Szene assoziieren können. Diese existiert heute nicht mehr wie in den Nuller Jahren. Fühlst du dich noch einer Szene verbunden und welche Folgen hatte für dich dieser „Umbruch“(wenn es denn einen gibt/gab)?
kms:
Am Anfang hieß das ja noch nicht so. Dann hab ich das ganze Theater eigentlich auch total gerne mit gemacht. Ich hab auch wahnsinnig viel gelernt von den ganzen Jungs und Mädels, Papis, Mamis, Kindern, Katzen, Hunden und dem Knattermusikliebhaber aller Herren Länder vereinigen sich. Das ist eine Aufbruchsstimmung gewesen, von der man wunderbar inspiriert werden konnte. Viele verschiedene schräge Musikstile trafen aufeinander und existierten parallel am selben Abend.
Es gab halt so viel schräges Zeug, man konnte auch noch nicht im Internet nachgucken was es da alles gibt. Dann kam das Internet und auf einmal konnte man alles nachgucken und runterladen und alles was einem einfällt in den Sampler packen und ordentlich dran rütteln. Das musste dann auch erst einmal gemacht werden. Da haben natürlich auch gerne alle mit angepackt.
Das ist jedenfalls etwas, was ich bis heute noch gerne mache, so kleine Samples verstecken. Auf diesem Album sind bestimmt einige Hundert ganz ganz kurze Sounds drauf, die man irgendwo auf einer obskuren oder nicht so obskuren Platte wiederfinden kann. Das hat mir selbst immer Spaß gemacht, rauszufinden wo was herkommt, wer was gesampelt hat und womit und wieso und wer das dann wieder verwurschtelt oder geklaut hat. Also abgesehen von den ziemlich vertrackten Rhythmuskonstruktionen sind dann auch immer wieder kleine Überraschungen versteckt.
Jedenfalls war's irgendwann nicht mehr interessant. Alles war schon mal verwurschtelt worden. Naja eigentlich denke ich, wie verwurschtelt wurde, ähnelte sich mehr und mehr.
Andere fingen an ganz massiv Synthesizer am Computer zu programmieren oder auch richtige Synthesizer zu kaufen und so teilte es sich vielleicht ein bisschen auf in Samplegewurschtel und Synthiegewurschtel. Die Synthiefraktion hat sich ganz abgespalten, weil sie Erfolg haben wollte oder hatte und auch mal was anderes als 300bpm Zeugs machen. Die Sample Fraktion streitet sich glaub ich jetzt noch was cool ist und was nicht.
Die Konsequenz für mich ist: Ich sitze gut 15 Jahre später auf einem Haufen Elektronikschrott, von dem ich mal gelernt habe wie man damit Musik macht. Also warum nicht einfach das machen, anstatt immer wieder den gleichen Breakbeat in den Sampler zu laden?
Von daher darf es mir eigentlich auch egal sein, was irgendwelche Szenen machen. Obwohl es da jüngst auch wieder interessante Sachen gibt.
gl:
Aber gehen mit der fehlenden Szene nicht auch die Möglichkeiten aufzutreten zurück bzw. Platten zu verkaufen? (Es gibt Marx sei Dank, ja immer wieder irgendwo interessante neue Szenen. Die Wartezeiten dazwischen sind hart. Jetzt muss man erst einmal warten bis Dubstep so richtig ruiniert ist.) [Kommentar 2013: Das dürfte sich ja spätestens 2012 erledigt haben.]
kms:
Klar, aber die "Szenen" waren ja auch alle mal klein und wurden dann erst groß, weil sich alle so liebevoll drum gekümmert haben.
Ich werde mich nicht drüber aufregen, dass alle in der U-Bahn auf ihr Smartphone starren, anstatt miteinander zu reden. Gegen Musikbegeisterte die zu Ihrer Lieblingsmusik miteinander eine Party feiern wollen, ist jedenfalls noch kein Kraut gewachsen.
Ich hab eine lange Zeit viel in solchen Szenen zugebracht und mich da auch viel fertiggemacht für. Das hat mir nur bis zu einem gewissen Grad gut getan. Ich fange es jetzt einfach noch einmal von vorne an. Bis jetzt ist die Resonanz sehr gut. Im Moment sehe ich mich einfach in 3 oder sogar 4 verschiedenen Szenen untergebracht. Ist ja eh quatsch, so ein Modewort, dem man hinterher rennt.
gl:
In einem früheren Gespräch zwischen uns beiden, hattest du den Projektcharakter von KMS betont. Jetzt ist es quasi ein Soloprojekt. Die Suckers existieren auch nicht mehr?! Ist das ein Paradigmenwechsel?
kms:
Vielleicht im Sinne einer anderen Betrachtungsweise. Aber die Musik kommt ja trotzdem aus mir heraus, da bin ich egoistisch geblieben. Die Suckers sind super, aber haben es einfach nicht geschafft so schnell so viel aufregende Musik zu machen, wie ich solo. Da sind wir uns auch nicht böse. Nach fast 15 Jahren haben wir auch mal Abstand gebraucht. Basti ist immer noch verdammt Bombe als DJ. Er macht jetzt allerdings auch seine eigenen Studiosachen. Wer weiß, wann da nicht vielleicht endlich mal ein Vinyl Release kommt. Im Internet kann man ihn hören als WASTED ACID FORCE. Mir gefällt's ganz gut, 100% Analog produzierte Musik. Wenn's irgendwann wieder so weit ist, wird es ganz sicherlich auch ganz wilde Liveshows geben.
(Am 12.11.11 gibt's übrigens ein seltenes Highlight: Karl Marx Stadt Live und DJ Nishinga im MRK in Blankenburg.)
gl:
Die neue Platte klingt "homogener" oder wie aus einem Guss. Ziel, Zufall oder Resultat einer Einzelarbeit?
kms:
Wen nennst Du hier Gentechniker, das ist alles organisch gewachsen.
Ob das Weltall mit mir irgendwas vorhatte als es mich so gemacht hat, weiß ich nicht. Jedenfalls habe ich diesen Schaden und der hört sich dann so an.
Das mit der Jahreszahl ist jedenfalls kein Witz. Der älteste Track ist von 1999, der neueste von letztens.
gl:
Umso verblüffender.
kms:
Das ist alles so subjektiv. Neu ist glaub ich, dass es eigentlich recht friedlich ist insgesamt. Die richtig derben Klopper sind halt nicht dabei, das stimmt schon. Ich glaube bei der Platte ist es so, dass es sich in alle Richtungen etwas weiter aus dem Fenster lehnt, und das haben die Stücke gemeinsam. Das wollte ich unbedingt mal machen – ganz viele eigentlich seltsame Stücke, die nur zusammenhalten weil sie alle so auseinanderfallen.
Ich habe halt jahrelang auch weitergebastelt an Songs, die eigentlich auf keinem Dancefloor funktionieren müssten. Tun sie ja dann aber doch. Und da sind sie nun. Sie haben weder Tempo noch Tonlage gemeinsam, sondern nur, dass ich getan habe was ich tun wollte.
gl:
Auf einem der Labelfotos inszenierst du dich als eine Mischung zwischen Mozart und Beethoven, beides Musiker Genies. Du stapelst nicht tief oder?
kms:
Ja genau, pures Understatement.
Genau genommen kann ich gar nichts, außer wirklich sehr sehr genau darauf hören was mir meine Fantasie eingibt. Ich bin ja so eine Art Forscher, ich suche etwas das es nicht gibt.

Eigentlich geht es auch nur um Unsterblichkeit.

Richtig richtig gute Musik gibt einem dieses Gefühl, dass einem keiner was kann. Dann hat man keine Angst vor dem Tod und keine Angst vor irgendetwas. Das ist wahre Musik.
Diesen Willen zur Unsterblichkeit, sowie meine Stumpfheit hab ich schon von Beethoven geerbt.
Im Ausland kriegt man gerne mal so was gesagt wie: "You sound so unbelievably german". Ein bisschen bin ich auch stolz darauf, dass ich schon als Kind so größenwahnsinnige Musik gut fand.
Mein erstes großes Opernerlebnis war ja recht früh.
gl:
Ist Beethoven ein direkter Vorfahre?
Bzw. ist diese Performance auch eine Antwort auf heutige Fragen? Oder hattest du irgendwann einfach kein Bock mehr in Sneakers und Hoodie auf der Bühne zu stehen und hast dann angefangen an dir rumzuspielen?
kms:
 Haha, nein. Meine Eltern waren beide Musiker und ich habe einfach meine ganze Kindheit und Jungend in Kirchen und Opernhäusern zugebracht.
Ich möchte mit allen Leuten das Gefühl teilen, das ich empfinde. Ich kann auch einfach nur die Arme in die Luft reißen. Aber der psychotische Komponist ist für mich ein schlüssiges Bild. Ein wahnsinnig gewordener Komponist, der direkt aus dem 18. Jahrhundert gekommen ist um den wildesten Scheiss vorzuspielen. Man stelle sich vor, Mozart würde Laptopschreddermusik vorgespielt bekommen, in der hier und da musikalische Fetzen zu entdecken sind.
Mir fehlt halt etwas in der aktuellen Musik, sich was zu trauen und was anderes zu machen. Und vor allem das Gefühl vermittelt zu bekommen, dass sich Mühe gegeben wurde. Man höre sich diese ganzen Sachen an, die so released werden. Wo sind da die wirklichen Virtuosen in dem Brei? Wer von denen kann wirklich was und traut sich auch das so zu machen, wie er will?
Und letztlich es auch ein bisschen ein Statement gegen cheapness vielleicht. Ich hab einfach diese Mentalität satt, dass man so wenig wie nötig tun muss, um maximalen Erfolg zu erzielen.
gl:
Was würde Marx von deiner Musik halten?
kms:
Auf was stand der denn so? Das müsste man mal rauskriegen!
Ich kann mir nicht vorstellen, dass er das als Musik wahrgenommen hätte. Oder anerkannt hätte.
gl.
Du unterschätzt ihn da!
Stimmt es das du als Kind drauf bestanden hast Keyboard zu lernen? (statt Klavier oder so)
kms:
Ich kann mir vorstellen, dass er es sicherlich als Kritik an der Entmenschlichung einer Industrialisierten Welt akzeptieren würde, vielleicht wär es ihm auch zu flach.
Leider wollte ich gar nicht Keyboard lernen, sondern irgendwas und irgendwas war dann Waldhorn. Das war aus verschiedenen Gründen nicht die beste Wahl. Klavier wär besser gewesen, aber auch anstrengender.
gl:
Musik wie die von dir bezeichne ich als Pop zweiter Kategorie, weil sie nicht für den Mainstream produziert ist aber auch nicht im Kontext von klassischer Musik vollkommen aufgeht. Entsprechend schwer sollte es für dich sein von deiner Musik zu leben. Wie schlägst du dich so durch?
kms:
Ich muss mein Geld woanders herbekommen und gehe arbeiten.
Aha. Erzähl mir mehr davon. Klingt gerechtfertigt aber auch irgendwie abwertend, was fällt da noch so für Dich rein? (Warum frag ich überhaupt.) Und warum geht das nicht im Kontext von klassischer Musik vollkommen auf. Klassik im Sinne von Klassik?
gl:
Die Unterschiede von E und U, hab ich ja nicht gemacht. Und du bekommst sicherlich keine Förderung, wie diese ein klassisches Orchester erfährt.
Pop 2 ist jedenfalls nicht abwertend gemeint. Pop 1 bezieht sich vermutlich auf die historische Entwicklung der Popmusik. Die Mischformen hat man möglicherweise verschwiegen und als man sie dann benennen wollte, weil sie nicht länger zu leugnen waren, blieb Pop 2.
Die weiterführende Frage ist aber, wie organisierst du deine Arbeit als Musiker, wenn du dann noch schuften musst. Bzw. braucht das eine vielleicht das andere über die monetäre Bedeutung hinaus?
kms:
Ich habe auf jeden Fall verstanden, dass Musik machen Zeit braucht, und das man Zeit nicht hat, sondern sich nehmen muss. All die schönen Spinnereien zu denen ich früher Zeit hatte, finden jetzt nur noch sehr komprimiert statt.
Manchmal hätte ich auch Lust ein größeres Setup zum Konzert mitzubringen, das wird dann aber meistens nix, weil man zumeist alleine sein Zeug tragen muss. Im Moment stehe ich darauf einen alten und einen neuen Computer dabei zu haben. Vielleicht einen oder 2 Effekte.
Zu Haus hab ich ein voll verkabeltes Studio, das Tag und Nacht auf mich wartet und einen Raum in dem ich mich entspanne und Klavier spielen kann. Das tut mir beides sehr gut.
Eigentlich fange ich sofort an zu komponieren, sobald ich ein Aufnahmegerät oder einen Sequenzer anschließe.
gl:
Schreibst du Partituren?
kms:
Leider nein. Das hab ich aber auch nie gelernt.
Eine Variante ist, ich spiele was am Klavier, nehme das auf und überleg mir was weiter passieren soll.
Eine andere ist, ich nehme irgendeine Maschine, spiele da etwas hinein, baue dann darauf auf und fülle solange alle Spuren bis mein Mischpult nicht mehr ausreicht.
Entweder ich bin dann happy und hab Lust auf längere Passagen oder es war nix und ich versuch was anderes.
Oder ich fang einfach wie wild an den Computer zu befüttern, das geht natürlich auch.
Im Moment hab ich allerdings viel Spaß am Klavier, weil es einfach schön ist neue harmonische Zusammenhänge zu verstehen.
Ich hätte das mal irgendwann in der Musikschule verstehen sollen, aber erst jetzt dämmert's.
gl:
Noch ein Nachtrag zum arbeiten vs. musizieren. In der DDR wäre deine Arbeit eine Bitterfelder Lesefrucht für den Bereich der Musik gewesen.
Wie viele deiner Familienmitglieder haben eigentlich den Karl Marx Orden bekommen? (abgebildet auf der KMS 97-11 bei Lux Nigra.
kms:
Das weiß ich nicht. Die meisten sind tot. Ich hab aber die Dinger bei den Eltern von Freunden rumliegen sehen. Sind auch einfach weggeworfen worden.

Bitterfelder Lesefrucht. Super. Danke!
gl:
Geht der Karl Marx Stadt Bezug über einen nostalgischen Wert hinaus?
kms:
Leider hab ich's nicht im Ausweis stehen, weil ich aus Leipzig bin und es gibt sicherlich noch vielmehr Potenzial aus dem Namen zu ziehen.
Ich bin eigentlich auch nicht alt genug, um Musik über Karl Marx Stadt zu machen.
Aber ich bin in Chemnitz aufgewachsen, und meine Musik ist zutiefst innerster Ausdruck meiner Jugend in der Stadt. Es gibt vieles wofür ich dankbar bin, aber auch Umstände, mit denen ich dort einfach nicht umgehen kann.
Es ist ja keine Nostalgie im Sinne eines geschönten Rückblicks, sondern durchaus eine Gewisse Hassliebe zu der Stadt. Warum benennt sich meine Heimatstadt einfach um? Was wird für die Jugendlichen getan? Warum gibt es so viele Rentner und warum nehmen die sich so viel raus?
Ich bewundere die Leute die dageblieben sind und dort etwas aufgebaut haben. Viele davon haben einen Anteil daran, dass ich solche schrägen Töne mache.
gl:
Gibt es noch viele Verbindungen nach Chemnitz, wann hast du das letzte Mal dort gespielt?
kms:
Immer Heiligabend im Weltecho, früher im Kapital und im VOXXX, seit glaub ich 10 Jahren.
Ich mag halt gerne meine Freunde sehen, ansonsten halte ich's da nicht aus.
gl:
Ist das bloß Geroyche oder noch andere Leute?
kms:
Chemnitz hat für eine mittelgroße deutsche Stadt wirklich erstaunlich viele kleine Szenen. Manchmal kann man sich vor Partys nicht retten. Es gibt Ragga und Reggae mit Sensi Movement, Reggae und Hiphop mit Phlatline Sound, Kode Dubstep mit Geroyche & Motorv8a, Jungle mit D.i.S., Drum and Bass mit Dead Metropolis. Alle haben Foren am Start und eine Fangemeinde. Alle machen Radioshows und Mixe. Es gibt auch gabber, techno und house crews, bands und alles.
Das kann aber leider trotzdem meistens nicht gegen irgendwelche 10Floor Schlagerkommerz Partys für Studenten an.
gl:
Fehlt IDM, vielleicht solltest du doch zurück?
Gegen die Studies kommt man letztlich nicht an.
Aber woher kommt das Marx Bild auf dem Cover, ist das die Büste aus London/Highgate? Welche Verbindung besteht zu asiatischen Schriftzeichen?
kms:
Vom Grafiker von SPB. Ich glaube, das ist der Blickwinkel vom Dach der Diskothek Starlight in Chemnitz gegenüber vom Marx. Und das ist mal nicht der freundliche milde gestimmte Papiblick, den man als normaler Mensch hat, sondern der strenge Vater der einem Auge in Auge etwas ernstes sagt. Da drunter steht Karl Marx Stadt auf chinesisch.
gl:
Ist das Bild und Schrift auf deinen Wunsch hin auf dem Cover?
kms:
Ja, die meisten Menschen wohnen halt in China und für die müsste Marx eigentlich ein Thema sein. Ist es aber nicht, wenn man den Medien glauben kann.
gl:
Die haben doch mehr als eine Sprache?!
kms:
Ja, das war ein Problem. Ich hoffe es ist trotzdem zu verstehen. Jedenfalls habe ich großen Respekt für den Beitrag Asiens an der Zivilisation und wollte auch mal zurücknicken und danke sagen. Japan hat ja nun mit Karl Marx gar nix zu tun. Obwohl ich eigentlich ein großer Japan Fan bin.
Vielleicht hätte ich die Platte Karl Marx City nennen müssen.
gl:
Es gab auch in Japan eine große KP, meines Wissens. An deinen Japan Fimmel, glaube ich mich auch noch erinnern zu können. Andererseits, wer hat den nicht?
Vorletzte Frage. Sowohl der Begriff Karl Marx Stadt als auch der Name sozialistischer Plattenbau beziehen sich auf Projekte des real existierenden Sozialismus. War dir das bewusst, habt ihr das mal thematisiert du und Felix (Der Lasterfahrer bei Sozialistischer Plattenbau)?
kms:
Hach, wenn wir mal Zeit hätten. Ich muss Ihn unbedingt mal besuchen. Ich bin ja der Ossi und er der Wessi. Mal sehen was es da eigentlich zu sagen gibt.
Ansonsten vielleicht: da wächst endlich zusammen, was zusammen gehört.
gl:
Solltest du Pläne machen, welche sind das für die Nähere Zukunft? Hoffentlich nicht erst in fünf Jahren ne Doppel LP!
kms:
Die nächste Platte ist eigentlich schon im Kasten. Fragt sich wer die rausbringt. Aber wird es geben. Nach wie vor heiß und zu haben ist meine Zusammenarbeit mit LXC aus Leipzig – SPACEFUCK auf SPACEFUCK, mit den Titeln SPACE und FUCK. Die haut auf jeden Fall richtig gut rein, wenn man's doch doll wollte. Ansonsten wird's sicherlich auf Alphacut oder Alphacute weitergehen. Und ich bin ja bei den SKWEEE Brüdern mit dabei auf HARMÖNIA Records.
Sonst kommen jetzt auch erst einmal ein paar Konzerte.
gl:
Möchtest du abschließend auf die Frage antworten, die ich deiner Meinung nach vergessen habe zu stellen?
kms:
Mit Impulse Tracker!
gl:
Wie findest du Sunvox?
kms:
Ist halt mehr so'n insider.
…zu klein fürs Display am 3g, ganz nett am Computer aber unmöglich zu Händeln. Tracker ohne Tastatur ist wie Burger ohne Brötchen.
gl:
Also dann, vielen Dank.

Sonntag, 6. November 2011

Istari Lasterfahrer, Sozialistischer Plattenbau, Karl Marx Stadt - ein Gedächtnisprotokoll

Die Redaktion unserer Wandzeitung "Der Gluediver" hatte seine Bemühungen mit dem Arbeitskollektiv "Sozialistischer Plattenbau"in Kontakt zu treten zuvor angekündigt gehabt. Dies ist unlängst geschenen und uns hat ein frei gewählter Kollektivteil Rede und Antwort gestanden. Dabei ging es um Lasterfahrer, Herrengedecke, edle Tropfen und den Baustand unserer imaginären Metropole Karl Marx Stadt. Zusätzlich ist es uns gelungen den Inhalt dieses Interviews und eines mit dem Ortsvorsteher/in der Gemeinde Karl Marx Stadt, in ein Blatt des imperialistisch/kapitalistischen Auslands zu platzieren. Namentlich dem SKUG aus Österreich. Damit ist unserer Wandzeitung nahezu eine Eulenspiegeltat gelungen. Mehr dazu und das zweite Interview im Dezember.
g:
Du hast dein Label 1999 gegründet, was waren da deine konkreten Intentionen?

istari_lasterfahrer:
Hauptsächlich meine eigene Musik auf Platten zu veröffentlichen.
Da kam aber sehr schnell auch dazu anderer Leute Musik rauszubringen. Das waren dann zuerst Compilations. Später hab ich dann auch ganze Platten von Bekannten gemacht. Zuerst waren da auch die dubcore 7inch Serie – wo es dann so Split Singles gab. Es gab auch Kooperationen mit anderen Labels, wie Complication 27 oder sprengstoff records.
Also die Hauptintention war zuerst eigene Musik raus zubringen - ohne irgendwie mit Labelbetreibern über meine Musik reden zu müssen und später eben auch Zusammenarbeit mit anderen Musikmachenden oder Schallplattenrausbringern.

g:
Gab es keine andere Möglichkeiten für dich zu veröffentlichen, oder war das eher eine "politische" Entscheidung (diy) bzw. wie ist das gemeint, nicht mit Label Leuten über deine Musik sprechen zu müssen?

istari_lasterfahrer:
Irgendwie vielleicht beides. Einerseits war meine Musik zu schröpselig, zu LowFi oder schlechter Sound für die Leute die ich kannte und ich bin auch nicht so kontaktfreudig – von wegen überall hinzurennen um denen meinen Kram aufzudrücken. Die andere Seite war dann vielleicht politisch zu sehen. Obwohl ich das nicht so nennen würde. Ich hab ja schon knapp 10 Jahre bevor ich das Label Ding angefangen habe Musik auf Kassetten und später Cdrs kopiert und verteilt. Allerdings auch in sehr kleinen Auflagen und dann auch an einen eher kleinen Kreis von Leuten.
Mit der Punkband, in der ich Schlagzeug spiele(Heimatglück), hatten wir 1997 unsere erste Single selber ins Presswerk gegeben. Ich dachte mir irgendwann das mach ich jetzt auch mit meinen eigenen Sachen.
Das politische daran ein eigenes Label zu machen, die D-I-Y Fahne hoch hängen und so, spielt eher nicht so die Rolle. Das ist zwar auch so im Hintergrund, aber irgendwie war das eher eine Konsequenz in dem was ich bisher gemacht habe. Ich hatte auch keine Ahnung wie das geht ein Label zu machen, also Buchhaltung und Vertriebssachen und wie man die Sachen im Presswerk abgibt und wie das Artwork gemacht werden muss.

g:
War das schwer, das Geld für die ersten Pressungen zusammen zu bekommen - musstest du da das Konfirmationsgeld auf den Kopf hauen? Und ist das dann von Anfang an alles glatt gelaufen? Von wegen, wie man sich vorstellt wie eine Platte zu klingen hat und was man dann aus dem Presswerk bekommt, etc.

istari_lasterfahrer:
Hab ja nie Konfirmationsgeld bekommen. Wo das Geld genau herkam weiß ich auch nicht mehr. Ich hatte damals glaub ich irgendeinen Job, wo ich was überhatte und hab hier und dort Einsparungen im Lebensstil vorgenommen. Das war dann auch nur eine 100er Auflage die ersten beiden Singles. Ich habe kein Mastering Studio besucht sondern das einfach das Presswerk machen lassen. Die Litofilme für den Label und Coverdruck hab ich einfach auf Folie am Laserdrucker gemacht, um die 40 Mark, die das damals pro Bogen gekostet hat, zu sparen. Das Presswerk hatte dann auch zurückgefragt, ob das so sein soll weil es dann beschissen aussehen würde. Testpressungen hab ich mir auch gespart und mich überraschen lassen. Die Musik hab ich damals ja noch auf nem Tapedeck zusammengemischt und dann wieder in den Rechner aufgenommen um es auf CD zu brennen, als Master Kopie fürs Presswerk. 1997 haben die hauptsächlich DATs genommen. Später hab ich dann immer schön das Geld von Auftritten angesammelt um es für Plattenpressungen zu haben.

g:
Produzierst du noch immer so Platten wie gerade beschrieben, ohne Testpressung etc.

istari_lasterfahrer:
Bei 7inches kann es schon vorkommen das ich keine Testpressungen habe, bei den 12inches aber meistens schon.

g:
Man kennt einige Produzenten elektronischer Musik die aus dem Punk Umfeld kamen. (Die Liste reicht da von Marusha bis Ikonika) Ich würde dich da mit Heimatglück dazu zählen. Diese Verknüpfung scheint fast schon ein urbaner Mythos geworden zu sein oder gehört zum guten Ton?! Ist diese Verknüpfung eine nahe liegende? Wie war das bei dir?

istari_lasterfahrer:
Die Trennung Punk und elektronische Musik gibt es ja immer noch auch wenn sie gerade mal wieder etwas durchlässiger zu sein scheint. Ganz früher, bevor ich dann irgendwann Punk Musik gehört habe, habe ich gerne so Grandmaster Flash und heaven 17 gehört bzw. von nem älteren Bruder eines Freundes kopiert. An nem Computer Musik zu machen hab ich auch schon gemacht bevor ich Punk Musik gehört oder gemacht habe. Das ist bei mir wenn überhaupt so parallel verlaufen. acid house fand ich damals mit 15 ganz lustig, auch so Sachen wie Kraftwerk oder die synthesiser Sachen auf der Extrabreit Platte oder Effekte bei der Fehlfarben Platte. Techno hat mich nicht so interessiert, zumindest nicht soweit das ich mir Tonträger besorgt habe. Das kam dann erst später mit Jungle und uk hardcore um die 94 rum.

g:
Würdest du für dich trotzdem Gemeinsamkeiten sehen?

istari_lasterfahrer:
Teilweise ja. Vom Produzenten Standpunkt mehr. Auch teilweise vom Besetzen von Räumen und das veranstalten von Partys oder Konzerten her.

g:
In welchem Umfeld (Szene) hast du damals das Label hinein gegründet? Wie hat sich diese Beziehung bis heute entwickelt?

istari_lasterfahrer:
Ich hab einfach Platten gemacht und nichts gewusst von irgendeiner Szene. Das ist das merkwürdige. Ich hatte ein paar Vertriebsverbindungen, das waren teilweise Mailorder aus der Noiseszene, andere eher kleine Electronica Sachen und dann hatte ich eine Platte in dem Hamburger otaku Plattenladen gefunden, wo auf einen Aufkleber drauf stand das die Platte von digitalworldnet vertrieben wird. Den hab ich dann angeschrieben und irgendwie gemerkt, dass das was die vertreiben auch mir am besten passt. Von dort aus hat sich dann mehr entwickelt. Zum Beispiel haben dann auch noch andere Leute in anderen Ländern Labels angefangen und auch Mailorder zu betreiben. Ich kam nicht einmal auf die Idee im Plattenladen den Menschen zu fragen wo ich meine Platten vertreiben kann.

g:
Ich assoziiere dein Label mit dem Genre breakcore (breakcore als eine Art Sammelbegriff, also nicht statisch). In Berlin ging da vor einigen Jahren noch einiges. Jetzt scheint mir das eingeschlafen oder durch andere Szenen besetzt zu sein. Wie war das in Hamburg gabs/gibts da eine entsprechende Szene. Wenn dein Label etwas mit dem Genre breakcore gemein hat, spürst du solche Veränderungen? Oder ist das nur in meiner Wahrnehmung so?

istari_lasterfahrer:
Als ich angefangen habe wusste ich noch nichts von dem Begriff breakcore. Ich würde mein Label inzwischen auch in der breakcore Szene verwachsen sehen, auch wenn der Begriff irgendwie immer unklarer für mich wurde. Vor ein paar Jahren kam es da wohl zu einem overkill. Irgendwie haben dann viele der damaligen breakcore Produzenten angefangen was anderes zu machen. Teilweise auch mit recht klaren schnitten, so wie gestern hui und heute pfui. Na ja egal, ich kanns teilweise verstehen und dann auch nicht. In Hamburg hat das eh schon immer eher geschlafen oder war recht klein, bis auf die Leute aus dem hardcore/gabba Umfeld die Partys gemacht haben, ein paar Leute aus der drum and bass Szene und die Geschichten bei mfoc im Pudel am Sonntag. Und das war es dann auch. Zur Zeit würde ich sagen ist das ganze recht spärlich in Hamburg, aber zum Beispiel Berlin oder anderswo, war da immer schon mehr los gewesen wenn es um diese Musik ging oder deren verschiedenen Ausläufer.

g:
Hast du das auch an Verkäufen von Platten gemerkt oder sind das bloß die Produzenten die sich von der "Szene" distanziert haben?

istari_lasterfahrer:
Nee die Plattenverkäufe sind auch zurückgegangen. Ich denke das ist auch eine Mischung daraus das Leute Musik mehr und mehr als mp3 oder audiofiles haben. Das mehr und mehr mit traktor oder ähnlichem, also dem Rechner auflegen. Aber natürlich auch das was gerade so angesagt ist, die Genres ändern sich ja auch. Das scheint auch irgendwie auf das Angebot abzufärben und auf das was Leute auflegen. Wenn jetzt von einer Musikrichtung nur noch knapp 7 Platten im Jahr rauskommen dann wird es für DJs auch irgendwie langweilig (meine ich).

Einige der vielen "breakcore" Veröffentlichungen zum peak waren ja auch irgendwann in der so genannten pattern Falle, formalistisch und irgendwie dann unüberraschend und irgendwie nicht frisch. Vielleicht haben sich so die Soundqualitäten immer mehr perfektioniert, was mir aber persönlich eher weniger wichtig ist.

g:
Wie reagierst du mit deinem Label und als Künstler auf solche Umbrüche?

istari_lasterfahrer:
Bei dem Label haben mich eh auch immer andere Sachen interessiert, bei der Musik machenden Seite ebenso. Ansonsten reagiere ich da langsam drauf oder gar nicht. Was das raus bringen von Musik betrifft, ich reagiere da mit kleineren Auflagen drauf und auch mit runterladen von Musik. Ironischer Weise hab ich selber bevor ich Platten raus gebracht habe meine Musik im Netz (bbs systeme und internet) schon als downloads angeboten.

g:
Durch die Karl Marx Stadt Veröffentlichung habe ich deine bandcamp Seite entdeckt. Lohnt sich das für dich, wie viel streichen die ein ...etc?

istari_lasterfahrer:
Bandcamp scheint relativ wenig einzustreichen. 10% glaube ich. Ob sich das lohnt weiß ich nicht, bei junodownloads verkaufe ich auch. Ich würde aber sagen, dass die digitalen Verkäufe bei mir noch weit hinter den Einnahmen aus Platten sind. Um davon eine Plattenproduktion zu machen bin ich eher noch weit entfernt.

(Bin eben mal kurz runter zum Kiosk)

g:
Bisher wurden die LPs von KMS bei Lux Nigra veröffentlicht. Jetzt bei dir. Wie kommts?

istari_lasterfahrer:
Weil ich sie raus gebracht habe. Lux Nigra hat glaube ich schon länger nichts mehr veröffentlicht. Ich hab KMS, nachdem ich ihn(Christian Gierden) von den society suckers und den KMS Sachen kannte, das erste Mal in Leipzig auf einer Party getroffen, wo die suckers und ich aufgetreten sind. Ich hatte ja auch schon eine kleine Weihnachts-CDr gemacht wo er drauf war. Und das eine Stück, was er mit lxc gemacht hat, für die eine bomb fi dub 12inch. Ich fand seine Sachen immer super und dann hab ich von lxc gehört das Christian noch ein ganzes Karl Marx Stadt Album zusammen hat. Da hab ich ihn dann gefragt und so kam das dann zustande.

g:
Ist das ein Glücksfall, Normal oder viel Arbeit?

istari_lasterfahrer:
das was?

g:
KMS/Suckers ist ja nicht irgendwer. Waren einer der wenigen „deutschen“ Acts die damals bei der Transmediale/Wasted auftreten konnten. Früher dachte ich einmal, die suckers könnten sich zu einer Alternative von mouse on marse entwickeln. Hätte ich ein Label würde ich mich freuen KMS machen zu können. Wie ist das für dich? Ein Glücksfall, Normalfall oder Business?
(Davon abgesehen wollte ich früher mal ein Kassettenlabel machen und hatte auch die suckers gefragt. Aber bis auf ein paar Treffen mit Christian kam da weiter nichts zustande.)

istari_lasterfahrer:
Dann ein Glücksfall. Das hör ich jetzt alles auch zum ersten Mal.
Welches Kassettenlabel?

g:
Das, das dann nie eines geworden ist – confuse a cat rec.

istari_lasterfahrer:
Super Titel.

g:
Na ja ein bisschen mehr wirst du zu KMS schon gewusst haben. Sonst macht man doch nicht einfach eine Doppel LP im goldenen Cover.
Hast du die Sache in einer üblichen Auflage gemacht oder ein paar mehr gepresst?

istari_lasterfahrer:
Ich wusste nur das KMS Christian Gierden ist. Eher mehr wusste ich über die society suckers. Ich habe dass jetzt in der üblichen Auflage von 350 Stück gemacht. Was aber schon eine Menge ist.

g:
Okay. Was ich amüsant fand, ist, dass ihr beide Bezug nehmt auf Projekte des real existierenden Sozialismus. (karl marx stadt/sozialistischer plattenbau) Habt ihr das mal thematisiert. Kannst du mir dazu vlt. noch ein bisschen was sagen/schreiben?

istari_lasterfahrer:
Der Name des Labels stammt von meiner damaligen Freundin. Die hatte das aufgebracht. Die Verbindung Plattenbau mit Vinyl raus bringen gibt es glaube ich x Mal. Zumindest weiß ich noch von 2 anderen Labels. Das sozialistische find ich gut da im Titel. Dass das jetzt so gekommen ist und zusammenpasst ist schon interessant. Hmm, was kann ich da sonst noch zu sagen.

g:
Ich unterstell euch einfach Mal (nicht böswillig), dass die Entscheidung für solche Namen über bloße Ironie hinausgeht!?

istari_lasterfahrer:
Wie es bei KMS steht weiß ich nicht. Ich habe den Namen des Labels völlig unironisch gewählt. Das Wortspiel mit Plattenbau und Vinylschallplatten find ich eher blöd. Das (Plattenbau, g.) hat eher was mit serieller Produktion zu tun, auf der einen Seite und der Idee einer anderen Form des Warenaustausches (Sozialismus, g.) auf der anderen. Ist aber auch nur eine Idee, nicht das ich jetzt da so was wie eine Philosophie oder eine Theorie im Bezug des handeln des Labels habe, die es dann gilt ausgeführt zu werden. Sondern eher so was wie, ich geh jetzt mal da die Böschung lang statt auf der großen Straße.

g:
Wie wichtig ist es dir als Istari Lasterfahrer aufzutreten. Steht da was an?

istari_lasterfahrer:
Auftritte sind schon wichtig, trete gerne auf - ist ja auch eigentlich die einzige Möglichkeit mal zusehen wie die Musik so funktioniert die ich mache. Stehen bestimmt auch noch Sachen an, im Moment ja eher mit classless kulla, aber im nächsten Jahr mit KMS ein paar Auftritte. Mal sehen was es da gibt, ob ich was Besonderes mache oder nicht. Das weiß ich noch nicht.

g:
Nun kann man ja nicht musikalischen Entwicklungen vorgreifen, aber wahrscheinlich probierst du schon rum, so dass sich deine Musik in mehr als nur Takt und Rhythmus unterscheidet.
Bahnt sich da was an, vlt. Bezgl. Produktionsmöglichkeiten oder musikalische Vorlieben?

istari_lasterfahrer:
Schwer zu sagen, das hängt immer von der Zeit ab, die ich habe. Würde ich die haben, würde ich mehr mit Geräten und analogen Sachen arbeiten, aber zum arrangieren und produzieren kostet das immer mehr Zeit als nur was mit Samples und virtuellen Sachen zusammen zu bauen. Aber ich kann das nur schlecht sagen was da rauskommt, wenn ich was mache.

g:
Es scheint du lenkst dich durch Lohnarbeit von den schönen Sachen des Lebens ab?

istari_lasterfahrer:
So sieht es aus. Und das Label und der Mailorder macht auch viel Arbeit wenn das nicht alles nur rumdümpeln soll.

istari_lasterfahrer:
Bin schon am Kartoffeln schälen.

g:
Hattest du mal gehofft von der Musik verlegen/machen zu leben?

istari_lasterfahrer:
Ich glaube so wirklich gehofft hab ich das nicht. Um von dem Verlegen von Musik zu leben braucht es glaube ich soviel Arbeit und Kompromisse das ich da keine Lust darauf habe. Dass es einen minimalen Teil finanziert und sich vor allem von selbst größtmöglich am Laufen hält (das Label), das finde ich schon gut. Die Relation Aufwand und Gewinn (finanziell) greift da aber nicht wirklich.
Beim Musikmachen könnte ich mir das Hoffen schon vorstellen.

g:
Das hast du schön formuliert. Letzte Frage. Welche aktuelle Musik hat dich das letzte Mal so richtig gekickt?

istari_lasterfahrer:
Puh schwierig.

g:
Gehst du jetzt deine Platten durch?

istari_lasterfahrer:
Kommt ja auch an wo und im welchem Zusammenhang. Auf dem Tanzboden weiß ich es nicht, weil ich dann nicht zum DJ gerannt bin um nachzufragen.

ja im kopf

Ich glaube das wird schwierig: devilman fand ich live sehr mitreißend. Die Band maison derrire aus Hamburg sehe ich sehr gern und hör sie gerne. Dann gibt es einen Haufen Platten die ich gut finde, die ich immer wieder in die Hände kriege.

g:
Okay lassen wir das so stehen.

istari_lasterfahrer:
Schwer zu sagen, da mich meine eigene Musik immer sehr kickt. Irgendwie hab ich dann überall sonst auch einen zu sehr im System Musik steckenden Ansatz Musik zu erleben, nicht immer!

g:
Felix vielen Dank für deine Ausdauer, vielen Dank für dieses Interview.