Freitag, 3. Mai 2013

Erster Mai, in Berlin.

Der erste Mai ist ein bisschen wie Silvester. Man macht es nie richtig mit dem was man macht. Das widerum können nur Leute denken, die von dieser Welt mehr erwarten, als das was eben jene Lebenswelt so im allgemeinen und den allermeisten Fällen zu bieten hat. Man muss schon knallharter Linksradikaler sein, vlt. nicht um ins Zweifeln zu kommen, aber um darin einen Moment zu verharren. Den Zweifel Quasi zu zu lassen. Wow, das habe ich jetzt so geschrieben, dass ich der coole linksradikale Einzelgänger bin und der oder die Leserin vermutlich nicht. Aber zumindest erstes ist ja gar nicht so.
Aber um´s noch einmal festzuhalten: als linker Mensch, der Sorte ich es bin, steht man in einem Dilemma.
Weshalb? Zum einem halte ich die Praktixisform der Demonstration für ungeeignet, um über eine reine Selbstvergewisserung der linksradikalen Gruppenidentität hinaus zu kommen. 
Die Demonstration war (ist?) ja eigentlich eine Methode gewesen, bestimmte Positionen in eine Gesellschaft zu tragen, die – aus welchen Gründen auch immer – von den Argumenten linker Kritik abgeschnitten ist. Ich argumentiere hier nicht dermaßen, das sich mit den heutigen Informationswegen der Protest auf der Straße erübrigt hat. Meines Erachtens nach ist es einfach um ein vielfaches unklarer geworden, welches eigentlich das Subjekt ist, an das sich die (unsrige) Kritik richtet. Früher war dies das Proletariat. Keine Frage. 
Dazu kommt, dass der Rahmen innerhalb der diese Kritik ausgeübt wird, selbst viel zu sehr von allen möglichen Bestimmungen und Zuschreibungen überlagert ist. Nicht selten durch das Verhältnis von der Exikutive des Staats und uns linken Demonstranten.
Der zweite Aspekt meines Dilemmas ist es natürlich, dass der Veränderung der herrschenden mit bloßem Zynismus oder sogar Teil­nahms­lo­sig­keit auch nicht auf die Sprünge geholfen werden kann. Und schon gar nicht wird Veränderung durch den Einkaufswagen herbei geführt, wie erst neulich wieder während der Tagesthemen, anlässlich der Ereignisse in Bangladesch, behauptet.
Also bin zumindest ich, mittlerweile schon Vorgestern, erst einmal zur Unangemeldeten Demonstration um 17h am Mariannenplatz gegangen.
Dies war aber nicht mehr oder weniger eine Aktion um vlt noch die eine oder den anderen auf dem Maifest zur 18h Demonstration zu locken. Das Tempo der Demo war übrigens enorm, so dass man nicht mehr wahrnehmbar als Demonstration um 18h am Lausitzer Platz ankam. Das beeindruckenste an der 18h Demonstration war dann auch ihre Größe. Was an Inhalt und Form rüberkam, dürfte nicht über den Durchschnitt jeder anderen Anti-Kapitalistischen Demonstration hinaus gegangen sein. Über die Solidaritätsadresse an die besetzten "palästinensischen" Gebiete war ich noch überrascht. Aber ich hab ja einen starken Magen. Der zweite Gewerkschaftler aus Griechenland war noch relativ informativ. Die Nachrichten aus der Türkei waren nicht zu verstehen, außer das es mindestens eine oder einen Toten gibt. Worüber man in der Tagesschau aber auch den Blättern die ich gestern überschaut habe, nichts berichtet wird. Es gibt also nach wie vor Informationen, die uns vorenthalten werden :-o
Ich bin bis zur Köpi mitgelaufen und dann zum Mai Fest abgedreht. Nicht das es mich dort unbedingt hingelockt hätte aber ins Regierungsviertel zu latschen, hat sich mir beim besten Willen nicht erschlossen. Hätte ich mein Fahrrad parat gehabt, vlt. wäre ich dann dran geblieben, nur um meine eigenen Vorurteile zu prüfen. Aber so keine Chance.
Das Mai Fest ist aus vielerlei Gründen eine Qual. Es zieht, wie beabsichtigt, Leute von politischen Demonstrationen ab, jeder versucht nur ne schnelle Mark zu machen, der Feruch von schwarz verkohlten Fleisch liegt in der Luft und zumindest an der Bühne wo ich Strife gesehe habe, stank es nach Pisse und Bier. Ab und zu der Qualm eines Joints. Ich habe eigentlich mit keinem der Sachen wirklich ein Problem bzw. bin darüber verwundert, aber in der Massierung. Wow, schon krass das sich die Leute wohl fühlen eng gedrängt in einem Scheisshaus zu feiern. 
Ich finde so Block Partys auch cool, wichtig und auch politisch. Nichts wäre mir lieber, wenn alle paar Wochen der Kiez auf der Straße sitzt, mit mitgebrachten Getränken, Musik hört und ne ruhige Kugel schiebt. Die Autofahrer können einem am Arsch lecken und die Arbeit am kommenden Tag auch. Aber das ist ja schon Utopie. So kommt die Lockerheit nur als Behauptung in die Welt und gerät in ihr ganzes Gegenteil. Und genau in diesem Gegenteil ist zumindest die Anfangsdemonstration längst unter gegangen. Sie ist längst untergegangen, in der Realität oder auch mal Hoffnung oder Stolz, ein kritischer Gedanke ließe sich in einem Feiertag würdigen oder weiter tragen. Da wo nicht die bare Münze rausgeschlagen wird, nutz das Proletariat die verordnete Freizeit, die Resource Arbeitskraft zu erneuern oder erledigt die Arbeit die im Haushalt liegen geblieben ist.
Ich habe dafür Verständnis, der Druck auf die Gesellschaft ist um ein vielfaches gestiegen und die Gewerkschaften fordern nur mehr den Erhalt der Arbeitsplätze, entgegen ihrer behaupteten Solidarität, mit welchem Ausland auch immer. Das alles ist nichts neues.
Aber ich hoffe das es Kreise in der radikalen Linken gibt, wo dies diskutiert wird. Beispielsweise an einem Tag vor oder nach dem Ersten Mai den Geldsäcken die Arbeitskraft zu entziehen. Wo also nicht die gegenseitige Konkurrenz durch eine gesamtgesellschaftliche Verabredung "ausgesetzt" scheint. Auch kann die radikale Linke überlegen, wo und für wie lange sie ihr ehrenamtliches Engagement dem Staat entzieht. Dies vor allem um den Menschen zu bedeuten, welche Position ihnen zukommt, wenn sie sich nicht um ihren Scheiss selber kümmert. Die Linke war schon immer da am schwächsten wo sie sich paternal oder quasi religiös helferisch geriert. 
Strife waren übrigens auch nicht der Hit, bis auf die eigenen und Rise Above von Black Flag. Ansonsten alt bekannte Hardcore Plattitüden, von wegen unity usw. Inklusive Bier Fontainen aus der Crowd. Andererseits gab´s auch Ansagen das Sexismus gar nicht geht und Homophobie auch nicht cool ist. Immerhin. Habe auch lange nicht mehr so häufig das Wort "fuck´ing" gehört. haha. Und musikalisch konnte ich da schon immer noch mitgehen.
Zu H2O bin ich nicht mehr geblieben. Bin später dafür noch zum Noiseanschiss im Lauschanpfiff mit verhaltenen Resultaten. Am besten war noch das Set von ZFE mit ordentlich Jungle- und HardcoreTechno Parts. Vmtl. fgnugn ging auch in Ordnung. Tendenz IDM und das "live". 
Zum Abschluss noch n Bild von Strife´s
Rick Rodney (selbst heute Fotograf)

Kommentare:

tia hat gesagt…

"So kommt die Lockerheit nur als Behauptung in die Welt und gerät in ihr ganzes Gegenteil. Und genau in diesem Gegenteil ist zumindest die Anfangsdemonstration längst unter gegangen. Sie ist längst untergegangen, in der Realität oder auch mal Hoffnung oder Stolz, ein kritischer Gedanke ließe sich in einem Feiertag würdigen oder weiter tragen. Da wo nicht die bare Münze rausgeschlagen wird, nutz das Proletariat die verordnete Freizeit, die Resource Arbeitskraft zu erneuern oder erledigt die Arbeit die im Haushalt liegen geblieben ist."

In diesem Blick auf die Dinge am 1. Mai können sich sicher viele wiederfinden. Auch die Nicht-Berliner, obwohl ich denke, dass dieses "Festtags-Dilemma" nirgendwo in Deutschland deutlicher hervortritt, als dort, weil alles so mit Attributen aufgeladen zu sein scheint. Berlin am 1. Mai erscheint mir aus der Entfernung wie ein versteinertes Denkmal, dessen ursprüngliche Kanten vor Moos und Vogelscheiße ganz rund geworden sind. Es ist schwer, die ursprünglichen Umrisse zu sehen, weil jede zweite Taube im Laufe ihres Lebens schon mal ihren Schiss drauf gelassen hat. Was ist die Idee, die zum Kunstwerk geführt hat und was ist Scheiße? Schwer zu trennen! Zumal Taubenkot bekanntlich ätzend ist. Zumindest kann das Denkmal seine ureigene Aufgabe erfüllen, nämlich, dass man davor stehen bleibt und darüber redet. (Während anderswo gerade Geschichte geschrieben wird.)

Wäre der Bericht anders ausgefallen, wenn Du Dein Rad dabei gehabt hättest?

aristid kuwalda hat gesagt…

Ich denke ja nicht. Aber aus einem Vorurteil wäre dann Gewissheit geworden oder es wäre wiederlegt worden. Kreuzberg und Regierungsviertel sind ja schon zwei paar Schuhe. Aber wie gesagt, meine Vermutung ist gewesen, es würde nur noch peinlicher werden.