Dienstag, 9. Oktober 2012

Ian Nagoski – To What Strange Place (Berlin/Liebig12)



Scheisse und Wunderschön liegen manchmal ganz schön nah beisammen. Und es ist schwer dabei, ein jedes Mal die Fassung zu bewahren. Heute war ich aber brav. Weil was für´s Allgemeine gilt, stimmt nicht selten auch im Speziellen, also auch mich selbst. Obwohl ich wahrscheinlich nicht deshalb ruhig geblieben bin, sondern aus Verunsicherung. (s.u.)
Aber ich beginne Mal dort wo es am meisten Sinn macht. Gestern und Vorgestern gab es in der Liebig 12 einen Vortrag (lecture=cool) von Ian Nagoski, der folgendermaßen angekündigt worden ist: "Ian Nagoski will presents his work on early 20th century recordings, in particular the project To What Strange Place; the Music of the Ottoman-American Diaspora, 1916-30".
Ich hatte mich  aber vor der Beschäftigung mit der Veranstaltung erst einmal gedrückt, weil ich nicht wusste ob ich sie wahrnehmen kann. Ein nützlicher Selbstschutz im Meer des Überangebots. Sonntag, nach einem Umzug, war ich schon verdammt zerschossen und auch gestern war die Lust noch einmal vor die Tür zu gehen nicht besonders groß.
Ich habe dann aber doch einmal nachgeschaut, für was das englische Ottoman im Deutschen steht. Und wenn ich das noch halbwegs richtig im Kopf habe, sind dass die Bevölkerungsgruppen des Osmanischen Reiches bzw. der heutigen Türkei. Das kommt wohl auch auf die Definition drauf an.
Okay, Schallplatten der osmanischen Diaspora aus dem frühen 20. Jahrhundert. Da musste ich dann doch hin. Und Cap. Ulli, der schon Vorgestern dort war, hatte auch ein okay gegeben.
Der Vortrag hat dann, wie üblich, ca. eine Stunde späterbegonnen, so gegen 20h und um 23h bin ich dort wohl wieder raus.
Der Vortrag, das Thema und das Material waren einfach wunderbar. Das Ian Nagoski nicht Kulturwissenschaft studiert hat, sondern all sein Wissen sich im Selbststudium angeignet haben soll, puhh ... hat er mir aber auf Nachfrage bestätigt. Aber ganz glauben will ich das nicht. Denn was Kulturwissenschaft/Ethnologie/Musikethnologie heute leisten kann, ist in seiner Arbeit locker aufgehoben. Das macht mich schon ein ganzes Stückchen neidisch.
Nagoski hat nicht nur die Geschichten einzelner Künstler und Migrationschicksale erzählt, sondern hat auch den Spagat von kultureller Diversität, mit all ihren Überschneidungen, Widersprüchen aber auch Wägbarkeiten ganz locker gemeistert. Also das, wofür der Begriff Transkulturalität steht. Das ist nichts selbstverständliches. Vielmehr finden wir in den heutigen Medien das ganze Gegenteil davon. Dabei sollte man von diesen erwarten können über jene Ressourcen zu verfügen, die eine solche "Berichterstattung" möglich macht. Aber wahrscheinlich ist das eigentliche Problem substantieller.
Ein Typ, der sich in seiner Jugend zugekifft und in Plattenkisten gegraben hat, bringt das zu Stande, was 80% meiner MitstudentInnen noch nicht einmal im Ansatz verstanden haben.
Ich will das noch irgendwie illustrieren, greifbar machen. Im Kopf geblieben ist mir die Zusammenfassung zu einem der Künstler. Ein Grieche, mit armenischen Name, der die erste türkisch (-sprachige?) Schallplatte in den USA produziert/bespielt hat. Zu einer Zeit, wo es noch keine einzige Schallplatte von Afroamerikanischen Künstlern gab. 
Ich überlass es euch, inwieweit wir dies mit unseren gängigen Kulturvorstellungen in Einklang zu bringen haben. Ich meine aber, kein so einfacher Versuch.
Wobei ich dann doch fast ein bisschen Schade fand, dass insgesamt die "türkische" Immigration ein nur relativ geringen Teil des Vortrags eingenommen hat. 
Aber wir haben es hier auch mit einem Stoff zu tun, der ganze Vortragsreihen füllen könnte. Insofern war zu erwarten, dass der Vortrag ausufert und trotzdem der Großteil ungesagt bleibt und trotzdem spannend bleibt, bis zur letzten Minute. 
Wenn nicht, ja wenn nicht auch das andere wäre. Mit der Liebig 12 haben wir einen der Orte, die in Berlin wie Pilze aus dem Boden schießt, um vlt für eine überschaubare Zeit die Aufgaben zu übernehmen, zu denen die etablierten Institutionen augenscheinlich nicht fähig sind.
Das an sich ist selbstverständlich kein Problem. Vielmehr muss man sich freuen, dass eine ganz kleine Gruppe von Leuten sich den Buckel krumm macht, for our own plessure. Aber dies ist nicht ohne Kompromisse zu haben. Das bis zum umfallen gequarzt wird ist sicherlich noch das kleinste Problem. Aber wenn dann die Kochgruppe (TAK - kurz für Temporäre Autonome Kochgruppe) und deren mit der Zeit hinzugekommener Freundeskreis, während des zweiten Teil des Vortrags zum fröhlichen Stelldichein übergehen, scheisse das nervt wie die tote Sau. Ich nahm wirklich an, dass man mit den 3€ für das bisschen Couscous Salat und den nochmal 3€ für die Mate, das falsche Gesicht zum offensichtlichen Desinteresse am Thema mitbezahlt hätte. Aber nein, stattdessen zwingend man sich auf die Lippen zu beißen, weil man weiß, dass in jener Kultur der Spießer tausend mal schwerer wiegt, als eine vortrefflich gepflegte Ignoranz (also die Huldigung der eigenen Beschränktheit als ein Zeichen von Unabhängigkeit).
Was tröstet darüber hinweg? Das die Platte zum Thema üppige 17€ gekostet hat wohl eher nicht.
Nichts kann darüber hinweg trösten. Aber die Platte läuft jetzt schon über eine Stunde in Rotation und ist so schön, wie sie nur schön sein kann. Keine Langeweile, keine Vorhersehbarkeiten, ein Übermuss. Und für die CD Compilation gilt sicherlich das Gleiche. Diese war aber mit 30€ in unerreichbare Ferne situiert. 
Aber das Thema ist damit sicherlich nicht abgeschlossen. Ich meine jetzt nicht den Frust über die Unzulänglichkeiten. Nein, ich meine dann doch eher die Reflexionsprozesse, die von einer alten Kiste Schallplatten angeschoben werden können. Mal sehen, ob sich da in Zukunft nicht noch ein Interview oder ähnliches ergibt. Ich bleib dran.

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